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Das Kalenderblatt 090630

On Mon, 29 Jun 2009 22:50:36 -0700 (PDT), WM <...@rz.fh-augsburg.de

An die Herren Geheimrat Hilbert und Prof. Dr. Cantor: Ich lasse mich
entschuldigen. Euer Paradies ist ein Paradies von Narren und mutet
eher nach Hölle an.

Es gibt den berühmten Ausspruch von David Hilbert:
" Aus dem Paradies, das Cantor uns geschaffen, soll uns niemand
vertreiben können."

Keine Sorge, lieber David und lieber Georg, ich versuche nicht, Euch
rauszuschmeißen. Aber es wird nicht mehr ganz so viel Spaß machen,
denn Ihr werdet Euch nicht meiner Gesellschaft erfreuen können. Ich
gehe aus freien Stücken.

Viele Jahre lang habe ich auf dem Zaun gesessen. Ich wusste, es war
ein Paradies der Narren, aber was soll's? Wir Menschen sind alberne
Geschöpfe, und es schadet niemandem, wenn wir die Kunde verbreiten,
dass aleph_0, aleph_1 usw. unabhängige Existenz besitzen. Zugegeben,
einige große Geister wie Gödel waren fanatische Platonisten und
glaubten, dass unendliche Mengen unabhängig von uns existieren. Doch
wenn wir uns auf berühmte Namen verlassen wollten, dann hätten wir die
Wahrheit von Astrologie und Alchemie zu akzeptieren, aus dem Grunde,
weil Newton und Kepler sie billigten. Ein ebenso großer
Mengentheoretiker, Paul Cohen, wusste dass es nur ein Spiel mit
Axiomen ist. Mit anderen Worten, Cohen ist ein echter Formalist,
während Hilbert den Formalismus nur als rhetorische Waffe gegen den
Intuitionismus gebrauchte und tief in seinem Herzen wirklich glaubte,
das Paradies sei real.

Mein Entschluss fiel vor ungefähr einem Monat, während eines
wundervollen Vortrags (anlässlich der INTEGERS 2005 Konferenz zu Ehren
von Ron Grahams siebzigsten Geburtstag), den der (noch nicht
graduierte) MIT-Student Jacob Fox gehalten hat (von dem wir sicher in
den nächsten Jahren noch einiges hören werden). Er führte einen Meta-
Beweis, dass eine extrem konkrete Frage zur Färbung von Punkten in
einer Ebene zwei vollkommen verschiedene Antworten besitzt (ich glaube
es war 3 und 4), je nachdem, welche Axiome der Mengenlehre man
benutzt. Was ist die richtige Antwort?, 3 oder 4? Natürlich keine von
beiden! Die Frage war von Anfang an sinnlos, weil über die unendliche
Ebene gesprochen wird, und unendlich ist genau so fiktional
(tatsächlich noch viel mehr) wie weiße Einhörner. Oft geht es gut,
und man erhält scheinbar vernünftige Antworten, aber wie Jacob Fox'
Beispiel zeigt, sind das Zufallstreffer.

Es ist wahr, das Hilbert-Cantor Paradies war lange Jahre praktisch
notwendig, weil die Menschen keine Computer zur Hilfe hatten. Deshalb
waren viele kombinatorische Probleme außer Reichweite, und sie mussten
mogeln und abstrakten Unsinn benutzen, den Paul Gordan zu Recht als
Theologie kritisierte. Aber Hurra!, nun besitzen wir Computer, und die
Kombinatorik ist so weit fortgeschritten. Es gibt eine Menge an
herausfordernden finiten Problemen die genau so viel Spaß machen (in
meinen Augen sogar viel mehr Spaß) und uns beschäftigen.

Aber keine Angst, Ihr Infinitarier in der Welt. Ihr mögt gern in Eurem
Paradies der Narren bleiben. Vieles von dem, was Ihr tut, ist ja auch
interessant, denn wenn Ihr den semantischen Unsinn weglasst, dann habt
Ihr wunderschöne kombinatorische Strukturen, wie John Conways surreale
Zahlen, die mit "infiniten" Ordinalzahlen (und noch vielem darüber
hinaus) fertig werden. Aber Conway zeigte sehr genau (buchstäblich!)
dass es "nur" ein (endliches!) Spiel ist.

Ihr mögt zwar gern in Eurem Cantor-Paradies bleiben, aber mancher
überlegt sich vielleicht doch, in meine Art von Paradies zu wechseln,
das der finiten Kombinatorik. Ich will niemanden beleidigen, aber der
meiste Kram der Infinitarier ist so langweilig, und der Bourbakische
abstrakte Unsinn hat doch so einen bitteren Geschmack, dass es eher
nach Hölle anmutet.

Aber auch wenn Ihr bei Cantor und Hilbert bleiben wollt, werde ich
weiter mit Euch sprechen. Schließlich ist der Verzehr von Fleisch noch
alberner als der Glaube an das (aktual) Unendliche – trotzdem spreche
ich mit Fleisch fressenden Geschöpfen (und bin sogar mit einem
verheiratet).

[Doron Zeilberger: Opinion 68, geschrieben am 23. Nov. 2005]
http://www.math.rutgers.edu/~zeilberg/Opinion68.html

Gruß, WM



On Tue, 30 Jun 2009 09:51:17 +0200, Herbert Newman <nomail@invalid

Am Mon, 29 Jun 2009 22:50:36 -0700 (PDT) schrieb WM:

Es scheint, dass Herr Zeilberger nicht ganz frei ist von inneren
(psychischen) Konflikten in Bezug auf die moderne Mengenlehre.
Ein Zerrissener, sozusagen. :-)

Herbert

On Tue, 30 Jun 2009 01:19:51 -0700 (PDT), Peter <...@googlemail.com

http://groups.google.com/group/sci.math.symbolic/msg/4dd305befc8e2b18

On Tue, 30 Jun 2009 03:53:29 -0700 (PDT), Gus Gassmann <...@googlemail.com

On Jun 30, 5:19 am, Peter <...@googlemail.com
Dear Peter:

there are many interesting things out there on
the web, but when I come to a newsgroup I would
like to hear personal opinions and comments and
not only be shown a link.

(Nix fuer ungut, OK?)

On Tue, 30 Jun 2009 04:42:35 -0700 (PDT), Peter <...@googlemail.com

On 30 Jun., 12:53, Gus Gassmann <...@googlemail.comwrote:

Manche Scherze funktionieren einfach nicht.

Was wäre denn hier die Alternative gewesen?
Den Beitrag aus sci.math.symbolic zu übersetzen
und hierher zu kopieren?

Das zentrale Anliegen:

in Bezug auf den Diskussionsgegenstand

http://www.math.rutgers.edu/~zeilberg/Opinion68.html

ist gewahrt, denn ich nehme ausführlich Stellung zu dem
Text von Zeilberger.

Nur -- was soll's?

On Tue, 30 Jun 2009 16:14:44 +0200, Herbert Newman <nomail@invalid

Am Tue, 30 Jun 2009 03:53:29 -0700 (PDT) schrieb Gus Gassmann:

??? Der Beitrag, aus dem Du zitierst, STAMMT von Peter.

And it's _not_ just a link.

Herbert

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